Der Kriminaldauerdienst (KDD) der Kriminalpolizeiinspektion Jena ist das Bindeglied zwischen der Schutzpolizei und der Kriminalpolizei. Die Beamten kommen immer dann zum Einsatz, wenn es um schwere Straftaten wie Sexualdelikte, versuchte und vollendete Tötungsdelikte, Diebstähle oder weitere schwere Verbrechen geht. Ihr Einsatzgebiet umfasst die Städte Apolda, Jena und Weimar, das Weimarer Land sowie den Saale-Holzland-Kreis.
In mehreren Tag- und Nachtschichten habe ich Daniel und Karsten der Kriminalpolizeiinspektion Jena bei ihrer teils sehr anspruchsvollen Arbeit begleitet. Dabei zeigte sich einmal mehr, dass die Polizei auch immer wieder ein wichtiger Ansprechpartner für die Menschen ist. Von den spannendsten Erlebnissen erzählt dieser Text.
Den Anfang macht ein Fall aus Weimar: Gemeldet wurde ein besonders schwerer Diebstahl in einem Gebäude der Bauhaus-Universität Weimar. Hier kam es an einem Wochenende zu einem Einbruch. Der oder die Täter verschafften sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag unbefugten Zutritt zum Gebäude. Vermutlich mit einem Hebelwerkzeug wurden die Türen aufgebrochen. Ein kleiner Laden mit gemischten Waren und ein Café wurden durchwühlt. Was der oder die Täter für wertvoll erachteten, wurde gestohlen. Übrig blieben zerstörte Türen, jede Menge Unordnung im Gebäude und die Wut der Betroffenen.
Gemeinsam mit der Schutzpolizei aus Weimar sicherte Karsten im Gebäude umfangreiche Spuren. Mit einem Gliedermaßstab und einer Kamera werden Aufnahmen der Bereiche angefertigt, die für die Ermittlungen der Polizei relevant sind. Zum Einsatz kommt unter anderem auch eine Kamera. Mit diesen Aufnahmen kann der Tatort bei der Sachbearbeitung noch einmal virtuell angesehen werden. Solche Technik erleichtert den Kriminalisten die Arbeit heute ungemein.
Mit dem klassischen Pinsel, der in Ruß getaucht wird, werden Fingerabdrücke an verschiedenen Objekten im Gebäude abgepinselt und mit einer Trägerfolie aufgenommen. „Die Hoffnung ist groß“, so Karsten, „dass wir vielleicht einen Treffer in der Datenbank haben.“ Weitere Spuren werden mit einem Abstrich gesichert. Hier kann man prüfen, ob der oder die Täter eventuell DNA zurückgelassen haben. Auch hier ist ein Vergleich mit der Datenbank möglich.
Mit einer Drohne wird zudem eine Übersichtsaufnahme des Geländes erstellt. Diese soll helfen, mögliche Flucht- oder Laufrichtungen zu ermitteln. „In vielen Fällen musst du dich in den Täter hineinversetzen und überlegen, was dieser gemacht hätte“, erklärt Karsten. Am Ende werden alle Spuren in das System der Kriminalpolizei eingepflegt und ausgewertet. Hier übernehmen dann die Fachkommissariate die weiteren Ermittlungen.
Die gestohlenen Waren sind oftmals gar nicht so wertvoll. Häufig wollen die Täter diese einfach schnell zu Geld machen. Was zurückbleibt, sind verunsicherte Opfer, die nicht verstehen können, warum ausgerechnet bei ihnen eingebrochen wurde.
Im zweiten Fall geht es für Daniel und Karsten in der Nachtschicht nach Dornburg-Camburg.
Dort kam es zu einem größeren Brand in einem Gewächshaus mit Nebengebäuden. Beim Eintreffen der beiden Kriminalisten brannten mehrere Gewächshäuser und ein massiv gebautes Nebengebäude. Dichter Rauch stieg in die Luft, die Feuerwehr löschte noch immer das Feuer.
Ein Heizlüfter im Gewächshaus sollte in der kalten Nacht die empfindlichen Pflanzen schützen. Irgendwann nach Mitternacht brach das Feuer aus und griff rasch um sich. Daniel und Karsten verschaffen sich zunächst einen Überblick über die Lage. In einem Gespräch mit der zuständigen Schutzpolizei und dem Einsatzleiter der Feuerwehr wird ihnen die Anfangssituation geschildert. Der Eigentümer des Gebäudes wird ebenfalls gleich befragt.
Das Feuer griff von der Ausbruchsstelle vermutlich auf die weiteren Gewächshäuser und das Nebengebäude über. Bilder vom Brandort werden angefertigt; jedes Detail wird aufgenommen, während die Feuerwehr weiter löscht. Am Ende müssen Teile des Gebäudes mit einem Bagger eingerissen werden. Die gewonnenen Erkenntnisse zum Brand werden später in einem Einsatzbericht festgehalten und eine Lichtbildmappe wird angefertigt. Diese wird anschließend den Brandermittlern übergeben. Diese begehen wenige Tage später die Einsatzstelle noch einmal bei Tag und ermitteln weiter. Bei einer geschätzten Schadenshöhe von über 100.000 Euro ist sorgfältiges Arbeiten essenziell.
„Am Ende müssen wir als Polizei ermitteln, ob es sich hier um eine Straftat wie eine Brandstiftung oder doch um einen technischen Defekt handelt“, erklären Karsten und Daniel vor Ort an der Brandruine.
Im dritten Fall geht es um einen verstorbenen Mann in einer Wohnung.
In einem Mehrfamilienhaus hatten mehrere Mieter länger nichts mehr von ihrem Nachbarn gehört. Nach einer Wohnungstüröffnung durch die Feuerwehr wurde eine leblose Person aufgefunden. Ein alarmierter Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Die beiden Ermittler schauen sich die Wohnung des älteren Mannes an. Jedes Zimmer, jede Ecke wird mit der Kamera dokumentiert. Es wird geprüft, ob irgendetwas durchwühlt oder entwendet wurde. An den Türen und Fenstern wird nach Einbruchsspuren gesucht. Bisher deutet nichts auf ein Fremdverschulden hin, so Daniel und Karsten.
Verstorbene Menschen, die erst nach Tagen oder Wochen gefunden werden, sind leider keine Seltenheit mehr, so Karsten. „Immer häufiger werden wir zu solchen Einsätzen angefordert. Früher war dies nicht so oft der Fall, da haben sich die Nachbarn noch gegenseitig umeinander gekümmert. Heute leben alte Menschen meist einsam und isoliert von der Außenwelt. Ihr Tod fällt erst auf, wenn der Briefkasten überquillt oder es unangenehm im Hausflur riecht.“
Neben der üblichen Schreib- und Dokumentationsarbeit muss hier der Wohnungsschlüssel des Verstorbenen den Angehörigen übergeben werden. In einem persönlichen Gespräch mit dem Sohn und der Ex-Frau des toten Mannes werden dessen Leben und seine Lebensumstände hinterfragt.
Der vierte Fall befasst sich mit sogenannten Planenschlitzern auf einer Raststätte an der Autobahn 4.
In der Nacht zu Christi Himmelfahrt schlugen vermutlich mehrere Täter auf einer Raststätte in Mellingen zu. Ihre Opfer waren Lkw-Fahrer, die dort den Feiertag verbringen mussten. An mehreren Aufliegern wurden die Planen mit einem Messer aufgeschnitten. Die Täter prüften so, ob es wertvolle Ladung gibt. An zwei Lkw wurde zusätzlich noch Diesel aus dem Tank gestohlen.
Auch hier zeigt sich wieder das schematische Vorgehen der beiden Ermittler: Zeugen befragen, Fotos anfertigen und Spuren sichern. Dieses Vorgehen der Täter ist ein weitverbreiteter Modus Operandi (lateinisch für „Art des Handelns“). Opfer sind immer wieder Lkw-Fahrer an Raststätten auf und entlang der Autobahnen. Der Schaden ist hoch und die Täter sind im Dunkel der Nacht schnell entkommen. Für die Opfer, die meist der deutschen Sprache nicht mächtig sind, ist es ein sehr unangenehmer Umstand. Fernab ihrer Heimatländer, einsam auf einer Raststätte, sind sie plötzlich mit einer Straftat konfrontiert.
Der Druck ist hoch, da auch Lenk- und Ruhezeiten eingehalten werden müssen. In diesem Fall ging es für fast alle Beteiligten glimpflich aus: Bis auf die Schäden an den Planen und den Dieseldiebstahl wurden keine weiteren Waren entwendet.
Der letzte Einsatz befasst sich mit illegaler Prostitution und einer Durchsuchung.
Während der Schicht wurde durch eine Dienststelle im Einsatzgebiet gemeldet, dass eine Frau in einem Gebäude gegen ihren Willen festgehalten und zur Prostitution gezwungen werde. Es startete eine umfangreiche Recherche der beiden Kriminalisten Daniel und Karsten über die Systeme der Polizei. Das vermeintliche Opfer war im Internet auf einschlägigen Seiten schnell ausfindig gemacht. Nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft entschieden sich Daniel und Karsten, die vermeintliche Adresse zu überprüfen. Aufgrund der unklaren Situation und möglicher Gefahren wurden weitere Kräfte der Polizei angefordert.
Nach einer gemeinsamen Lagebesprechung mit allen eingesetzten Polizeikräften wurde die Durchsuchung vorbereitet und durchgeführt. Dabei war höchster Eigenschutz geboten, denn niemand wusste, was sie in dem Gebäude erwartete. Systematisch wurden das Gebäude und die angrenzende Liegenschaft abgesucht. Die vermeintliche Prostituierte, welche gegen ihren Willen festgehalten werden sollte, wurde nicht gefunden. Dafür stießen die Beamten auf mehrere Hinweise auf illegale Wohnungsprostitution. Im Zuge der Durchsuchung wurden auf dem Gelände auch verschiedene Gegenstände sichergestellt, welche unter anderem zur Fahndung ausgeschrieben waren. Auch ein manipulierter Gaszähler wurde festgestellt. Auf den Inhaber des Gebäudes kommt nun eine Vielzahl an Strafanzeigen zu.
Die Ermittlungen zur vermeintlich gegen ihren Willen festgehaltenen Frau liefen noch bis spät in die Nacht. Über verschiedene Abfragen und Recherchen wurde versucht, den Standort der Frau ausfindig zu machen. Die weiteren Ermittlungen hierzu übernimmt das Fachkommissariat, das dank der guten Zuarbeit des Kriminaldauerdienstes eine sehr gute Ermittlungsgrundlage hat.
Während meiner Begleitung des Kriminaldauerdienstes habe ich zwei sehr engagierte Kriminalbeamte mit einem hoch motivierten Team erlebt. Dabei ist das Erlebte für die Einsatzbeamten nicht immer leicht. Gerade beim Kriminaldauerdienst hat man häufig mit dem Tod und schweren Straftaten zu tun. Diese Eindrücke werden gemeinsam im Team aufgearbeitet.
Aber auch der Umgang mit Hinterbliebenen, Opfern und Beteiligten ist sehr einfühlsam.
Auch bei schweren Einsätzen, die mitunter tief in die Privatsphäre der Menschen eindringen, zeigten Karsten und Daniel ein großes menschliches Feingefühl. Dies ist wichtig, weil so das Vertrauen der Menschen in die Polizei gestärkt wird.
Auf die Frage, ob Karsten schon als kleines Kind zur Polizei wollte, antwortete dieser: „Mir wurde das mehr oder weniger in die Wiege gelegt. Mein Vater und mein Onkel waren beide Polizisten. Da war der eigene Weg schon irgendwie vorbestimmt.“
Ich bedanke mich bei der Kriminalpolizeiinspektion Jena und den eingesetzten Beamten für das entgegengebrachte Vertrauen, sie bei ihrer spannenden und nicht alltäglichen Arbeit begleiten zu dürfen.